Wolfgang Schulz

Wir-in-Pforzheim.de


Das Irrlicht      

 

Ein Geräusch riss ihn aus seinem Tagtraum. Sein Herz krampfte sich zusammen. Sie waren da! Sie hatten ihn gefunden! Langsam öffnete er die Augen: Kalte Blicke und kalt glänzende Waffen waren auf ihn gerichtet. Sie haben mich nicht im Schlaf überwältigt. Sie wollen mich nicht ..." Seine Gedanken stockten. Ein uraltes Gefühl von Ablehnung und Einsamkeit ergriff ihn. Kopfschüttelnd, als könne er es nicht verstehen, huschte ein leises, bitteres Lächeln über sein Gesicht.

Erfüllte sich jetzt und so der tragische Kinderschwur, der ihn ein Leben lang beschämt und gequält hatte?

Dann war es entschieden: Ein tiefer Atemzug, ein schneller Griff in die leere Jackentasche – grelle Blitze schleuderten ihn gegen die feuchte Erde.

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Unfassbar! Seit Tagen flogen die Bomber ihre tödliche Last in ein fremdes Land. Unfassbar! Kein Aufschrei ging durch die Menschheit. Menschen starben! Menschen, deren einzige Schuld ihr viel zu lang geduldetes Siechtum und die Akzeptanz ihres Despoten im Erlösergewand war.

Kinder starben, und selbst die klügsten und aggressivsten christlichen Verteidiger von westlicher Freiheit und Demokratie konnten keine Schuld dieser Kinder konstruieren.

Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Scham und Wut schüttelten unablässig seine Seele und seinen Körper. Die Tage davor hatte er fieberhaft gehofft, dass sie es nicht wagen würden, mit einer solch ungeheuren Übermacht ein kleines Land zu überfallen, mit ihren Bombengeschwadern wieder ein Volk für seinen Tyrannen sterben zu lassen. Nie sollte sich doch Vietnam wiederholen! Aber er war auch voller Verzweiflung darüber, dass die Menschen so wenig aus der Geschichte gelernt hatten, dass die primitivste Lüge ausreichte, um den wahren Grund der Intervention zu verschleiern. Am meisten aber bedrückte ihn der Egoismus vieler, die die Sorge um die Benzinpreise höher stellte als Menschenleben, und die weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid fernen Lebens.

Er lag wach. Hatte nach kurzem Nachrichtenhören wieder abgeschaltet. Seine Frau kam und brachte ihm einen Kaffee: „Du musst zur Arbeit. Es ist schon sehr spät. Komm steh auf!“ Aber als sie in seine Augen sah, spürte sie, dass er nicht gehen würde. Dass er nicht gehen konnte.

Er weinte, versuchte es aber zu verbergen.

„Frank, mein Gott, nimm es doch nicht so schwer!“ Sie schlüpfte aus ihrem Bademantel zu ihm ins Bett und nahm ihn wie ein kleines Kind in die Arme. „Du kannst es doch nicht ändern“, versuchte sie ihn zu trösten. Sie wusste, wie sehr er litt, seitdem er sich politisch resigniert zurückgezogen hatte. „Lass deine Tränen ruhig zu“, flüsterte sie liebevoll, zog ihn an ihre Brust und streichelte sein Gesicht. Seine Ohnmacht, sein Zorn, sein Mitleid verströmte in ihrer Zärtlichkeit und erreichte seine Sinne.

Ihre Stimme, ihre Hände, ihre Küsse lockten ihn an den Kelch der Auferstehung, den er mit einem wohligen Schauer an seine Lippen führte. Wie herrlich könnte dieses Leben sein! Gierig saugte er alle Liebkosungen auf, spürte, wie sie zu einem Strom leidenschaftlicher Lust in ihm anschwollen. Ihre Hände wurden fordernder, lustvoller, wohl in der Hoffnung, ihn so vielleicht zurückhalten zu können. Für einen kurzen Augenblick schien es, als gelänge es dem Chaos der Außenwelt einen kalten Hauch von Scham zwischen die beiden zu drängen, um ihre Freude zu ersticken. Aber – als könnten sie sich gerade dadurch dem Chaos entziehen, das Morden vergessen machen – verloren sie sich in rasender Begierde und fielen ineinander.

In tiefster Lust tauchte plötzlich das oft geträumte Bild seiner kindesalten Sehnsucht auf, in dem Wärme und Freundlichkeit liebevoll die sterbende Kinderseele umhüllten, die heimlich, damit Er es nicht sehe, mit der Mutter tanzte und vergeblich Schutz im Haus der Zucht suchte, wo sie im Schmerz erzwungener Liebe stumm erlosch. Nun tauchte aus dem Dunkel tiefer Schichten mit der Sehnsucht die stumme Trauer auf, die er so viele Jahre nicht verstehen konnte, die sich nun wie ein dunkler Schleier über Lust und Freude legte.

Der sonst so Stille begann zu stöhnen, ihren Namen zu stammeln. Die Explosion begann in seinem Kopf, raste in den Bauch, durch ihn hindurch und verströmte in ihrem Leib. Die Flut brandete über ihnen zusammen. Gemeinsam kehrten sie aus der Ekstase zurück. Ihre Lust wandelte sich in Zärtlichkeit und behutsam streichelten sie sich, als wären sie eben erst geboren. Lange lagen sie still.

Endlich, fast ängstlich, fragte sie ihn, was er tun wolle. Er richtete sich auf und schaute offen in ihre Augen,  küsste sie sanft, stand auf und kleidete  sich an. Da schien sie das Unaufhaltsame  zu begreifen. Dennoch versuchte sie, ihn zurückzuhalten: „Bitte Frank, bleib hier, geh’ nicht! Das ist nicht mehr deine Aufgabe. Lass es die Jungen machen. Du hast genug getan. So viele Jahre und Kraft geopfert. Was hast du davon gehabt?“ Ihre Stimme wurde lauter und aggressiver: „Wer hat sich denn für dich eingesetzt, wenn du irgendwo rausgeflogen bist? Denk auch mal an uns! Einmal! Jetzt!“ So vieles wollte sie diesem sturen und schwermütigen Narren noch sagen, aber als sie in seine Augen sah, wusste sie, dass es für ihn kein Zurück gab, dass er gehen musste.

Am Schlossplatz brannten zahlreiche Kerzen. Noch waren wenig Menschen unterwegs. Ein junges Pärchen stand still umschlungen vor einem Feuerkreis und blickte in die flackernden Flammen. Dieses Bild berührte ihn so stark, dass  Tränen in ihm aufstiegen. Er ließ es geschehen, aber immer deutlicher drängte seine innere Stimme: „Was soll das Weinen? Wem hilfst du damit? Tu was!“ Langsam füllte sich der Platz. Das Schweigen, diesen stillen Protest, empfand er widersprüchlich: Der Frieden tat ihm gut, aber zugleich wuchs seine Unruhe, je länger das Schweigen andauerte. Frank fror, spürte Hunger, vergaß ihn aber sofort wieder, als Bewegung in die Menschenmasse kam.

Endlich stieg ein Redner auf die provisorische Bühne. Es war eine brave Rede. Voller Abscheu über den Völkermord, voller Mitleid für die leidende irakische Bevölkerung. Sogar Zorn war zu hören über die deutschen Waffenlieferungen an den Despoten. Aber es blieb eine brave Rede, die keinem weh tat und es wohl auch nicht sollte. Was tun, außer Demonstrieren, Sitzblockieren, Bitt- und Protestbriefe schreiben? Darauf wollte oder konnte der Redner nicht eingehen. Frank war gequält, zerrissen, aber er blieb stumm.

Die Demonstration bewegte sich langsam durch die Stadt, am Hauptbahnhof vorbei zum amerikanischen Konsulat. Dort angekommen, brodelte die Stimmung. Frank war bereits in einem Zustand höchster Erregung. Auf dem Lastwagen stand Blecher, ein alter Gewerkschaftsfunktionär, der in der SPD Karriere gemacht hatte. Wenigstens er nannte jetzt den Aggressor beim Namen: Den amerikanischen Imperialismus, die internationale Waffen-, Öl- und Wiederaufbau-Industrie, für die dieser Krieg nicht nur ein gefundenes, sondern ein geplantes und gut vorbereitetes Fressen war. Die in ihrer Angst vor einer friedlichen Lösung nicht warten wollten, bis die Sanktionen der UN, die Blockaden wirken würden, die nun unter dem Jubel aller Technologiegeilen ihre neuesten Waffen ausprobieren, unter dem Jubel aller Rassisten endlich die arbeitslosen Schwarzen gegen die Araber hetzen konnte. Doch auch Blecher endete mit dem lächerlichen Appell an die US-Politiker, sie mögen doch ihre Aggression einstellen. Er fand kein Wort an die Protestierenden, was zu tun sei!. Pfiffe wurden laut. Viele waren unzufrieden und nicht bereit, sich jetzt zu zerstreuen.

 

Frank hielt es nicht länger in der Masse aus. Er schwang sich auf den Lastwagen und nahm dem ratlosen Blecher das Mikrofon aus der Hand. Er sprach von der Liebe, die die einfachen Menschen miteinander verbindet, und von ihrer Sehnsucht nach Frieden. Er sprach von seiner Wut  auf die Menschenverachtung derer, die für die Kriege verantwortlich sind, von der Wut auf die ewigen Profithyänen und auf ihre Helfer in der Politik. Dann prangerte er den Egoismus und die Gleichgültigkeit der Masse an. Als er von der Sinnlosigkeit des ewig passiv bleibenden Widerstandes sprach, wurde der Tumult stärker. Tomaten, Eier und viele andere Gegenstände flogen gegen das Konsulat. Berittene Polizei drang drohend in die Menge. Scheiben klirrten. Polizisten stürmten den Lastwagen. „Lasst ihnen keine Ruhe! Verhindert den Völkermord!“, konnte er noch rufen, dann schlug ihm ein Polizist das Mikrofon aus der Hand und riss seinen Arm so brutal nach hinten, dass er schmerzvoll aufschrie. Ein Knüppel traf ihn an Schulter und Rücken. Nun drängten auch Demonstranten auf den Lastwagen.

Trotz der Schmerzen nahm Frank erleichtert wahr, dass die Jungen ihn schützen wollten. Einer der Jugendlichen war auf den Boden des Lastwagens gestürzt. Er wollte sich erheben, als ihn ein derber Polizeistiefel in den Unterleib traf. Der Junge krümmte sich vor Schmerzen.

Frank erstarrte. Grell blitzte es in seiner Erinnerung auf – das Irrlicht, das ihn seit der frühen Kindheit immer wieder quälte:

 

Der Sechsjährige krallt sich in panischer Angst an das Bein des riesigen Schlägers, der mit derben Schuhen nach der Mutter  tritt. Deren Schreien erstickt zum kläglichen Wimmern.

„Er trampelt sie tot!“, schreit es in ihm. Seine sprachlose Erstarrung  löst sich,  Angst, Panik und Hass brechen kreischend aus ihm heraus  und überwinden  die Todesangst. Er stürzt  sich auf das Ungeheuer. Den rasenden Schmerz im Kopf, als er gegen den Küchenschrank  geschleudert wird, fühlt er nicht mehr. Wieder einmal erscheint ihm der Engel. „Warum kannst du meiner Mama nicht helfen?“, fleht die Kinderseele zum tausendsten Mal. Der Blick des Engels, der vor langer, langer Zeit noch lächelte, bleibt rätselhaft leer. Schaut er nicht sogar vorwurfsvoll? Dabei hatte er sich doch nur geweigert, zu dem immerzu betrunkenen Fremden <Papa> zu sagen. Ein würgendes Gefühl von Schuld beschleicht das Kind und sein kindlicher Schwur – den Peiniger zu töten -  der nun den Raum erfüllt, wird zum Licht in der Kälte und Einsamkeit seiner Kindheit und Jugend werden  – und zur Fessel seines ganzen Menschenlebens.

Frank sah rot.  Blind vor Angst, Panik und Wut stürzte er sich auf den Schläger, packte ihn am Helm, riss ihn herum und versetzte ihm einen wütenden Schlag, dem der Polizist auszuweichen versuchte. Sie stürzten beide durch die gelöste Plane. Der Polizist schlug hart am Boden auf. Sofort halfen einige Jugendliche Frank auf die Beine. Er schaute nach dem immer noch am Boden liegenden Polizisten. Entsetzt blickte er in dessen starre, ins Leere gerichtete Augen. Sie rüttelten ihn, aber er blieb reglos liegen. Fassungslos starrte Frank auf den Polizisten.

Erst als ihn einer der Jugendlichen rüttelte und ihm zuflüsterte: „Mensch hau ab! Lauf!“ und ihn vorwärts stieß, kam Frank zu sich und lief. Er lief gegen die zäh wogende Menschenmasse, durchdrang sie wie in Trance. Sein Herz, seine Gedanken, seine Gefühle – alles raste und taumelte. Obwohl er in dieser Stadt zuhause war, schien ihm nun alles fremd. Er wusste nicht wohin.

Nachdem er einige Straßenzüge zwischen sich und den Ort seiner Tragödie gebracht hatte, blieb er stehen und versuchte zu begreifen, was geschehen war: Er hatte einen Menschen getötet. Er, der nie in seinem Leben jemand etwas zu Leide getan hatte, zu Leide tun konnte, hatte wenige Augenblicke zuvor einen Menschen getötet! Panik und Entsetzen trieben ihn weiter. Endlich erreichte er den höher gelegenen Park, lief am Teehaus vorbei und höher hinauf. In einem dichten Gebüsch wähnte er sich vorerst sicher.

 

Langsam gewann er seine Fassung wieder. Ein Mensch war tot. Der Gedanke, dass er Kindern den Vater genommen haben könnte, schmerzte ihn bis in seine Gedärme. Seine Seele zerriss zwischen Anklage und Verteidigung: Warum musste dieser Polizist  so brutal treten? – Aber du hast ihn getötet! – Was hatte er auf dem Lastwagen verloren? – Du hast den getötet! – Wo haben Polizisten schon einmal Kriegstreiber und Kriegsprofiteure geschlagen? – Das sind doch keine Argumente! Du hast getötet!

Das Hin und Her seines inneren Dialogs ließ ihn verzweifeln. Er spürte die Brüchigkeit seiner Verteidigung und war nicht in der Lage, die Verurteilung zu verhindern. Langsam, würgend und kalt kroch ein altes Gefühl aus seinem Bauch, krampfte sich in sein Herz und formte eine dumpfe uralte Empfindung: „Du bist schuld! Schuldig!“ Und eine kalte Stimme – es war die Stimme des Engels – schrillte grausam: „Du bist schuld an allem! Niemand, nicht dir, nicht einmal mir konntest du helfen!“//

Aber - das war nicht mehr die Stimme des Engels. Es war eine andere, vertraute Stimme. Das war IHRE Stimme. SIE lag am Boden und der Stiefel traf IHREN Leib.

Der Zerrissene spürte seinen Widerstand brechen. Alle Hoffnung, alle Sehnsucht seines Lebens nach dieser großen Liebe zerbrach nun endgültig an dieser schrillen und kalten Stimme. Er floh in jene lähmende Müdigkeit, die ihm seit vielen Jahren so wohlvertraut war. In diesem Augenblick erkannte er ihre wahre Bedeutung: Diese eigenartige Müdigkeit war die nebulöse Droge, die seine Wirklichkeit erträglich machte und ihn nun auf dem letzten schweren Weg beschützen und begleiten würde.

Eine faszinierende, ihm seither völlig fremde Leichtigkeit berührte und erfasste ihn, enthob ihn aller Selbstvorwürfe, aller Schuldgefühle, Ängste und Entschlüsse. Er würde nicht kapitulieren und sich einer bürgerlichen Moral und Justiz stellen, die Völkermörder mit Staatsehren empfängt, deren Asyl suchende Opfer die Aufnahme verwehrt und die unbeholfenen Verteidiger der Schwachen bestraft. Er würde aber auch nicht mehr weiterkämpfen, weder offen noch im Untergrund, wohin  die Ohnmacht ihn nun mit Sicherheit triebe. Er wollte nie mehr kämpfen!

 

„Merkwürdig“, dachte er, „wie leicht das alles plötzlich ist“, und ein Lächeln stahl sich aus seiner spätgefundenen Seele.

Da hörte er das Geräusch. Es riss ihn aus seinem Tagtraum.

 

ENDE

 

 

 

 

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